Trauma und die kleinen Schritte …
Für traumatisierte Menschen kann sich Veränderung überwältigend anfühlen – selbst dann, wenn sie sich eigentlich nach mehr Freiheit, Leichtigkeit oder neuen Wegen sehnen. Das liegt nicht an mangelndem Willen, sondern oft an tief verankerten Schutzmechanismen in unserem Organismus.
Unser Nervensystem erinnert sich: Es hat gelernt, was sicher ist – und was nicht. Die Polyvagaltheorie beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem in herausfordernden Situationen blitzschnell reagiert: mit Kampf, Flucht oder Erstarrung. Menschen, die unter den Folgen eines Traumas leiden, befinden sich oft unbewusst entweder in einem Zustand von innerer Alarmbereitschaft (Kampf und Flucht) oder emotionaler Taubheit (Erstarrung). Das Gewohnte, auch wenn es Leiden verursacht und objektiv betrachtet, nicht gut tut, gibt Sicherheit. Wir kennen uns aus damit und wissen, wie wir damit umgehen können. Neues – so klein es auch erscheinen mag – kann vom Nervensystem als Bedrohung empfunden werden, selbst wenn es objektiv “gut” für uns wäre. Einfach, weil es unbekannt ist. Und hinter Unbe-kanntem kann potenziell eben auch eine Bedrohung warten.
Einst sehr wichtige und hilfreiche Schutzstrategien übernehmen dann die Führung, wenn wir Unbekanntem ausgesetzt sind. Und das auch, wenn das Unbekannte von außen betrachtet mit wunderbar klingenden Zielen wie “Leichtigkeit”, “Entspannung”, “mehr Freude” verbunden ist. Unsere sogenannten „Beschützeranteile“ – innere Anteile, die in belastenden Zeiten entstanden sind – übernehmen dann oft das Steuer. Sie schützen uns vor genau dieser potenziellen Bedrohung, die im Unbekannten liegt und tun alles, damit wir vor vermeintlicher Gefahr beschützt bleiben. Da diese sog. Anteile in einer Zeit unseres Lebens entstanden sind, in der wir in der Regel noch Kinder waren, sind sie selbst wie Kinder und haben eine große, sie überfordernde Aufgabe zu erledigen. Wir können uns diesen Kindanteilen mit Wertschätzung und Empathie nähern und Kontakt mit ihnen aufnehmen. Auf diese Art und Weise kann schon etwas Erleichterung in das gesamte System kommen, da die Anteile / inneren Kinder sich endlich gesehen fühlen. Manchmal entspannen sie sich sich alleine dadurch und lassen ein bisschen los.
Die Perspektive der inneren Anteile schenkt uns zugleich auch immer die erleichternde Erfahrung, dass wir nicht identifiziert sein müssen mit all dem, was uns leiden lässt - wir dürfen es als einen Teil oder eine Seite von uns wahrnehmen. Die dafür sorgt, dass vermeintliche Risiken vermieden werden, auch wenn das bedeutet, in alten, engen Mustern zu verharren. Diese Anteile meinen es gut – und sie brauchen unser Mitgefühl, um sich sicher genug zu fühlen, dass Neues überhaupt möglich wird.
Und deshalb sind kleine Schritte so wertvoll. Sie überfordern das Nervensystem nicht, geben dem inneren System Zeit zur Anpassung – und ehren die Anteile, die uns im Sinne unseres Überlebens geschützt haben. Jeder kleine Schritt ist ein Zeichen innerer Verbundenheit: mit sich selbst, mit dem Leben – und mit der Hoffnung, dass Veränderung möglich ist. Was könnte heute dein nächster kleiner Schritt sein?